Hm
Es ist wohl in uns drin. Wir müssen uns vergleichen. Je mehr ich hier herum lamentiere um über Konsumwahn und Massenereignisse herzuziehen, wird mir klarer warum wir das brauchen. Ich lag heute Morgen im Bett und hab noch etwas gelesen und dabei schöne Sonntagsmusik gehört. Doobie Brothers, Van Morrison, America, Eric Clapton. War sehr entspannend. Irgendwann legte ich das Buch zur Seite und starrte an die Decke, lauschte der Musik und fühlte mich wohl. Meine Gedanken kreisten um dies und das. Dann stand ich so positiv geladen auf und schlug wie immer als erstes eine beliebige Nachrichtenseite auf. Drei Artikel über Lenas Sieg. Wow. Wusste ich bis gerade noch gar nicht das „wir“ gewonnen haben.

Ich hab die Angewohnheit auch immer einige Kommentare zu lesen und wie immer sind diese negativ. Was zu sagen haben immer nur die die Meckern wollen. Kennen wir von irgendjemanden – oder?

Die Aussage immer gleich und sie kam mir bekannt vor: Wie kann die Zeitung voll von „Lena“ sein wenn die Wirtschaft zusammenbricht, eine Ölpest und zig Kriege am laufen sind. „Brot und spiele um das Volk dumm zu halten“

Da hab ich mal verstanden warum wir das brauchen. Ich hab diese ganze Lenasache nicht verfolgt. Und seit ich kein TV mehr habe müssen mich die meisten Sachen auch nicht mehr ärgern weil triviale Dinge immer mehr an mir vorbeigehen. Ich habe wirklich das Gefühl das es mir besser geht seit ich das Fernsehen abgeschafft habe. Wie auch immer. Ich dachte mir das die ganzen Meckerköppe doch mal die Leute in ruhe lassen sollen damit die sich freuen können. Ich glaube gerade WEIL es in der Welt gerade so beschissen zugeht brauchen die Menschen Ereignisse wie den ESC um sich mal abzulenken.

Keine Angst. Ich werde weiterhin gegen alles wettern was mir vor die Flinte kommt und meinen Werten widerspricht.

Meine Meinung zur WM ist darum trotz meiner Einsicht ungebrochen. Weil es unmittelbarere Folgen hat. Ein internationaler Songcontest ist natürlich immer eine Angelegenheit die das Wirgefühl einer Nation tangiert, jedoch nicht so furchteinflößend wie eine WM. Wo der ESC keinem unmittelbar schadet ist das besonders bei der in Afrika ausgetragenen Weltmeisterschaft eine andere Sache. Das eine lenkt von bestehenden Problemen ab. Das andere SCHAFFT Probleme. Falscher Nationalstolz hat bei der letzten WM für Übergriffe gesorgt als Deutschland ausschied. Und auch schon vorher Diskriminierung verursacht. Und dieses Mal ist es wirklich schlimm, weil für das Vergnügen vieler einige Menschen enteignet werden, gedemütigt und der Armut ausgeliefert werden. Da sollte man mal drüber nachdenken und nicht einfach kopflos sowas unterstützen und die restlichen vier Jahre entgegengesetzte Parolen brüllen. Wer einerseits sagt, das man armen Menschen helfen muss kann keine WM mit Begeisterung ansehen die auf dem Rücken selbiger ausgetragen wird. Da wäre es mir echt lieber wenn die nochmal hier ausgetragen wird. Da wäre der nationale Hype größer, ich würde noch mehr leiden aber die Maschinerie würde mit etwas weniger Blut arbeiten können.

Ja ich kenne die Argumente. Unsere Handys werden von unterdrückten Arbeitern in China zusammengeschraubt. Die Kleidung (vermutlich auch meine) von armen Kindern in Indien gewebt und so weiter. Wir können einfach nicht sauber bleiben. Das Blut der Unterdrückten klebt immer mehr an den Händen der vergleichsweise Prädestinierten. Das ist das große Problem gegen das wir nichts mehr tun können, weil die Wirtschaft menschenverachtend funktioniert. Aber bei etwas was verzichtbar ist wie eine Unterhaltungseinrichtung zur Förderung des Nationalstolzes. Da kann man ja auch mal nicht mitmachen.

Ich hoffe das ich diesmal den richtigen Ton getroffen habe. Manchmal gehe ich mir nämlich selber mit meinem Negativdenken auf die Nerven. Aber ich kann für meine Gefühle nichts.

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Zuerst solltest Du es unterlassen, Dich für Deine Gefühle zu rechtfertigen. Etwas authentischeres von Dir gibt es nicht, also kein Grund für Entschuldigungen. Absolut nicht.

Was die Menschen in Afrika und in China angeht, möchte ich auf zwei Dinge verweisen. Einmal auf diesen Artikel ( http://www.mo87.de/index.php?site=1&val=kolumne&cont=002 ) den ich mal bei MO87 geschrieben habe und der die Thematik eingeschränkt auf einen Teilaspekt beleuchtet und andererseits wieder einmal (in einem anderen Forum stöhnen immer schon alle virtuell: Jetzt das wieder) auf Kant verweisen.

Wir, also wir alle (=Menschheit) leben in unserer selbst verschuldeten Unmündigkeit. Nur wir (=jeder Einzelne) können demnach an diesem Zustand etwas ändern.

Wenn in Südafrika Ungerechtigkeiten herrschen (wo ist das etwa anders), ist es an den Menschen dort, daran etwas zu ändern. Ebenso etwa in Simbabwe, wo die Menschen auch noch nicht die Kraft gefunden haben, sich Mugabes zu entledigen. Gleiches gilt auch für China, wo die Menschen zuletzt immerhin schon sehr tatkräftig aber für uns nicht immer registrierbar für ihre Rechte eingetreten sind.

Daß es gelingen kann, haben die Amerikaner 1783, die Franzosen 1789, die Inder 1947 und nicht zuletzt die Ostdeutschen 1989 bewiesen. Daß es nicht einfach ist, ebenso. Und es kostet meist Menschenleben. Aber Freiheit bekommt man nicht geschenkt. Wenn doch, wird man leicht zum Opfer derer, die sie einem wieder nehmen wollen, siehe der deutsche Michel, der sich seine Freiheit für ein wenig Sicherheit immer gern wieder beschneiden läßt.

Was die WM angeht. Die meisten Afrikaner sind völlig aus dem Häuschen wegen dieser Fete. Warum sollen die nicht auch ihren Spaß haben. Wenn der Ärger gegenüber dem Spaß überwiegt, werden sie sich zu wehren wissen. Wenn nicht, werden sie es lernen müssen.

Bleibt die Frage, wie. Mandela hat der Sache der Menschen in SA mehr Dienste erwiesen als jeder Freiheitskämpfer mit der Machete oder dem MG. Aber manchmal muß es eben auch tätig sein, siehe USA und Frankreich.

Ob wir mit WM-Verzicht etwas ausrichten, wage ich zu bezweifeln. SA hat jahrelang mit weltweiten Sanktionen zu kämpfen gehabt und trotzdem hat erst die Einsicht von deKlerk und der Handschlag mit Mandela die Verhältnisse geändert.

Noch eines. "Die Wirtschaft" ist nicht mehr oder weniger menschenverachtend als wir alle, die wir "die Wirtschaft" sind. Wirtschaft ist ein Kreislauf, der Gesetzmäßigkeiten unterliegt, die realiter keine sind, da der Mensch als der Hauptfaktor der Wirtschaft einerseits nicht rational und anderesseits immer unterschiedlich handelt. Deshalb verneine ich auch immer, wenn es um die Frage geht, ob Wirtschaft einen Wissenschaft ist. Ist es eben wegen dieser ständigen Unwägbarkeiten aller einflußnehmenden Parameter nicht.

Puh, wieder mal ein langer Text geworden...

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